Schiefer Vergleich? Widersprüchliche Bewertung von NS-Verstrickung – Freitag 16 vom 20.04.2007

ANSCHAUUNGSMATERIAL

Die widersprüchliche Bewertung von NS-Verstrickung weist auf eine verborgene Dimension im Angriffspotenzial der Medienmacher

In der Debatte um den moralisch und sachlich richtigen Umgang mit der deutschen Vergangenheit jagt ein Fall den anderen und beweist, dass die immer wieder beschworene Normalität in diesem Land reines Wunschdenken ist. Eine fortbestehende Unsicherheit im Urteil, um nicht zu sagen Anfälligkeit für partielle Blindheit auf dem einen und Brennglasschärfe auf dem anderen Auge, erhitzt die Gemüter. Der Verdacht, dass „mit dieser medialen Öffentlichkeit irgend etwas nicht stimmen kann“, hat sich erhärtet. Wie Eckard Fuhr in der Welt am Sonntag treffend befand, erlebten wir eben erst „Orgien persönlicher Herabsetzung“ und „übergeschnappten Schmähjournalismus“, der jeder Beschreibung spottet. Die Angriffe hatten einen Hitzegrad erreicht, der selbst in als seriös geltenden Blättern den Schmelzpunkt von Rationalität und Anstand überschritten und in der nach unten offenen Schlichtheitsskala Rekorde gebrochen hat.

Diese Tonlage traf allerdings weder Filbinger noch Oettinger, sondern wieder einmal Günter Grass, anlässlich der Vorstellung seines neuen Gedichtbandes. Es soll hier nicht zum 1001. Mal um diese Geschichte gehen, sondern um ein Nachdenken über Gründe für die wachsende Unbeliebtheit und mangelnde Glaubwürdigkeit der Mehrheitspresse. Die von Fuhr geäußerte Vermutung, es könne sich um einen Konflikt zwischen den 40-jährigen Chef- und Feuilletonredakteuren und der immer noch nicht gebrochenen Präsenzhoheit der 80-Jährigen handeln, ist nur eine Erklärung, und vermutlich nicht die wichtigste.

Wer nämlich als 80-Jähriger die Machtverhältnisse bedient, wird von den Jüngern der politischen Klasse mit Nachsicht behandelt, wenn er nicht offensichtlich unhaltbar ist, meist sogar gedeckt. Wer als Prominenter weder stört noch provoziert, kann sein Kämpfertum in der Waffen-SS getrost solange verschweigen, wie es ihm beliebt und andere mit selbst nie eingelösten Forderungen in die Verzweiflung treiben, solange er lustig ist – seine moralische Integrität wird im bürgerlichen Feuilleton nicht angezweifelt werden. Diese kühn klingende Behauptung lässt sich nüchtern belegen.

Ein kleiner Rückgriff auf das Jahr 1994 erhellt eine Duplizität, die bislang niemandem aufgefallen ist. Damals sollten an der Berliner Humboldt-Universität erstmals frei gewählte Ehrendoktoren ernannt werden. Vorgeschlagen waren unter anderem ein international renommierter Schriftsteller, der aber noch nicht den ganz großen Preis hatte, und ein international renommierter Wirtschaftswissenschaftler, unter anderem Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes.

In der inzwischen mehrheitlich von Westkollegen besetzten Germanistischen Fakultät schob man ästhetische Einwände vor, um den von einem Ostprofessor gekommenen Vorschlag abzuweisen. Dieser hatte jedoch deutlich herausgehört: Günter Grass war ihnen einfach zu links. Schließlich hatte sich der Autor bis dato im Lande durch keinen anderen Ehrendoktortitel als würdig erwiesen.

In der inzwischen fast ausschließlich von Westkollegen besetzten Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät konnte man sich schnell auf den Vorschlag Wilhelm Krelle einigen, der dort als Mitte 70-Jähriger die Struktur- und Berufungskommission geleitet und dem man also einiges zu verdanken hatte. Schließlich besaß er bereits fünf Ehrendoktortitel.

Unbeeindruckt davon, dass die Berliner Hochschulkommission nach der Umstrukturierung von veralteten Wegen sprach, von Schubfachdenken, das moderner Ausbildung nicht angemessen sei, wurde der erste Ehrendoktortitel nach der Wende für die Aufräumarbeiten an der bislang marxistisch dominierten Fakultät an Professor Krelle übergeben. In der Laudatio hieß es, Wilhelm Krelle sei „eine integere Persönlichkeit, die als Wissenschaftler und Mensch Vorbild ist für alle heranwachsenden Wissenschaftler“.

Doch schon bald machte ein Gerücht die Runde, das eigentlich schon aus Krelles Zeit an der Bonner Universität bekannt war: Er sei mehr als Wehrmachtsoffizier gewesen, von Waffen-SS war die Rede. Da Journalisten sich für das Gerücht nicht interessierten, tummelten sich Vertreter des Studentenparlaments in den Archiven. Und wurden fündig.

Aus den Unterlagen lasen sie heraus, dass Krelle als begeisterter Militär schon 18-jährig in die Wehrmacht eintrat. Mit Beginn des Krieges zum Oberleutnant befördert, diente Krelle nach ihren Erkenntnissen zunächst bei der berüchtigten 164. Infanterie-Division des XXX. Armeekorps (A.K.), die bei Durchbruchskämpfen an der Metaxas-Linie Massaker an griechischen Zivilisten verübte und strategisch bedeutungslose Dörfer in Schutt und Asche legte. Persönliche Schuld wurde offenbar bei niemandem festgestellt, aber im Wehrmachtsbericht vom 14. April 1941 wurde Krelles bewiesene Tapferkeit erwähnt. Kein Journalist hat sich je dafür interessiert, was das bedeuten könnte. Auch nicht, weshalb Krelle, zurück von seinem Dienst im Afrika-Korps unter Generalfeldmarschall Rommel, so viel Vertrauen genoss, dass er zu vertraulichen Planspielen des Generalstabes des A.K. hinzugezogen und schließlich, im August 1944, als Generalstabsoffizier zur Waffen-SS abgeordnet wurde. In eine Panzerdivision übrigens, die aus „Abgaben“ der Division Frundsberg gegründet wurde. Proteste, unter anderem der Berliner Grünen, wurden laut.

Doch das für die Humboldt-Universität erstellte Gutachten des Historikers Bernd Wegner von der Hamburger Bundeswehruniversität kam zu dem entlastenden Schluss, Krelle sei ohne sein Zutun überstellt worden. Krelle selbst hat sein Zutun gegenüber der Berliner Zeitung im Mai 2004 so beschrieben: Er hätte die Kommandierung ablehnen können, hätte dies aber als „ehrenrührig“ empfunden, zumal seine Frau ihn bei der Annahme unterstützt habe. Außerdem habe er den Vorgang als „Teil von Gottes Wille“ angesehen und sei davon ausgegangen, alles „habe seinen Sinn“.

Diesen Sinn hatte Krelle während des Krieges in einem Nachruf auf seinen Standartenführer so beschrieben: „Als glühender, fanatischer Vertreter der Idee unseres Führers und des Gedankens der SS war er seinen SS-Männern ein Vorbild in jeder Lage. Wir wollen in seinem Sinne weiterkämpfen und das vollenden, für das er starb: Unser Großdeutsches, Großgermanisches Reich und unsere 17. SS-Pz.Gren.Div.“

Krelle ließ es sich nicht nehmen, Schriftsätze und Befehle mit SS-Sturmbannführer zu unterzeichnen. Bis zuletzt gab er Durchhaltebefehle des OKW weiter, und forderte noch in den letzten Kriegstagen Standgerichte vor versammelter Mannschaft. Doch während ganze Heerscharen von Rechercheuren auf jeden Tag des Soldaten Grass angesetzt waren, interessierten sich die etablierten Medien für Sturmbannführer Krelle nicht. Wie die junge Welt, der Freitag und die Berliner Zeitung berichteten, saß Krelle als Stellvertreter des Kommandeurs im Führungsstab der Division, wo alle Informationen zusammenliefen, während einzelne seiner 16.000 Mann starken Truppe Verbrechen an Überläufern, Parlamentären, KZ-Häftlingen und Zivilisten begingen. Wofür Krelle nie auch nur einen Teil der politischen Verantwortung übernahm. Wie man überhaupt keine selbstkritische oder auch nur nachdenkliche Äußerung zu seiner Rolle in der NS-Zeit von ihm kennt.

Zum Beweis seiner Integrität hat Krelle Wert darauf gelegt, kein Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Dies strich auch die Universität anerkennend heraus und kein Journalist hielt es für nötig, entlarvend auf § 34 Wehrgesetz zu verweisen, wonach Wehrmachtsangehörigen die Zugehörigkeit zu politischen Vereinen ja untersagt war. (Nach dem 20. Juli 1944 ist davon nur ausnahmsweise abgewichen worden.) Was aber zur Ehrenrettung letztlich genügte, war der in jenem Gutachten von Wegner ausgeworfene Notanker, wonach Krelle „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht Mitglied der SS gewesen ist“.

Es gab beim Umgang mit dem Fall einen Konsens zwischen arrivierter Presse, Politik und Universitätsbetrieb: Wer in der Waffen-SS gekämpft und als SS-Sturmbannführer unterzeichnet hat, war noch lange kein SS-Mann. Krelle selbst brachte es auf den Punkt: SS-Kämpfer ja, SS-Mitglied nein. Das genügte, ihm die moralische Absolution zu geben. Die Humboldt-Universität hielt „in Abwägung der Gesamtperson“ an der Ehrenpromotion fest.

Was den 1944 28jährigen, hochrangigen Befehlsgeber Krelle nachträglich in den siebten Himmel der Integrität brachte, ist für den 17jährigen Soldaten Grass niemals auch nur in Erwägung gezogen worden. Dabei war Grass mit absoluter Sicherheit kein SS-Mitglied. Ja, er hat auch nicht „zugegeben, dass er Mitglied der Waffen-SS war“, wie die FAZ und danach fast alle Nachrichtenagenturen und Fernsehstationen fälschlich meldeten. Grass hat die ihm unterstellte, umgangssprachliche Formulierung nicht dementiert, weil er sich an der Definitionsfrage nicht aus der Verantwortung ziehen wollte. Aber beim Häuten der Zwiebel kommt der aktive Identifikation assoziierende Begriff „Mitglied“ nicht vor. Für diejenigen, die als Wehrmachtsrekrut ohne ihr Zutun direkt zur Waffen-SS eingezogen wurden, ist der Begriff „Mitglied der Waffen-SS“ juristisch nicht korrekt, bestätigte mir der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt. Auch das Urteil von Nürnberg macht in der Sache diese Unterscheidung, wenn es die von Schuld ausschließt, die zwar Angehörige einer verbrecherischen Organisation wie der SS oder Waffen-SS waren, aber „vom Staate zur Mitgliedschaft in solcher Weise herangezogen wurden, dass ihnen keine andere Wahl blieb“ und sie außerdem keine Verbrechen begingen.

Dem einen wäre eine andere Wahl geblieben, er hat billigend in Kauf genommen, dass seine Befehle geeignet waren, Verbrechen zu begehen, er hat sich bis zuletzt durch Selbstgerechtigkeit disqualifiziert – aber die etablierte Presse stand unbeirrt hinter ihm, hat die Bezüge zur Waffen-SS als Rufmord bezichtigt und auf die „Vernichtungskraft von Verdächtigungen“ verwiesen. Dem anderen blieb keine andere Wahl, was ihn zunächst nicht störte, aber später um so mehr, was er spät öffentlich machte, auch wenn er keine Verbrechen begangen hatte – es gab Für und Wider, aber in der etablierten Presse ist er zum Abschuss freigegeben und wird nun als ewige „Rampensau“ durchs Feuilleton gejagt.

Wie erklärt sich der unterschiedliche Umgang mit beiden Geschichten? Warum wurde Krelle in den Medien verziehen und Grass nicht, selbst gegen die Lesermeinung? Die späte Offenbarung kann den Unterschied nicht erklären, denn der sechsfache Ehrendoktor hat von sich aus nie über seine Verstrickung gesprochen und war der Ansicht, so etwas gehöre nicht in einen akademischen Lebenslauf.

Dass Grass einfach prominenter ist und daher mehr im Fokus steht, stimmt zweifellos für den Kulturteil, im Wirtschaftsteil der Presse aber galt der 2004 verstorbene Krelle als Nestor der deutschen Volkswirtschaftslehre, was für den Standort natürlich viel wichtiger ist. „Der Nobelpreis wird nicht für das verliehen, was ich mache“, soll er einmal gesagt haben. Ein Neoliberaler war Wilhelm Krelle nicht, er trat für mehr Rationalität in der Wirtschaftspolitik durch staatliches Eingreifen ein. 1978 mokierte er sich in dem Aufsatz Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch abgestimmtes Verhalten von Regierung, Gewerkschaft und Bundesbank über die Behauptung von Marx, Arbeitslosigkeit sei im Kapitalismus ein Dauerproblem.

Insofern gehörte er eher zu jenen, die die Regulierungsmechanismen der Marktwirtschaft überschätzen und die Ohnmacht vor dem von der Systemkonkurrenz befreiten Kapital nicht sehen wollen. Damit befand er sich in schönster Übereinstimmung mit der mehrheitlich veröffentlichten Meinung.

So hätte eine Auseinandersetzung mit östlich geprägten Theoretikern interessant werden können. Doch der Vorsitzende der „Struktur- und Berufungskommission“ trat mit der Devise an: „Es gibt keine marxistische Wirtschaftswissenschaft“. Von 180 Hochschullehrern und wissenschaftlichen Mitarbeitern sind zunächst 20, später zehn übrig geblieben. Krelle verlangte den DDR-Dozenten sehr viel mehr ab, als sich selbst: Sie hätten Widerstand gegen das herrschende System leisten sollen.

Opfer von Krelles Abwicklungswut wurde zum Beispiel der Hochschuldozent Dr. Hans Schmidt, dessen Spezialgebiete Geldtheorie, Preisniveau, Kredite und deren Wirkung auf Investitionen war. Nach 1989 besuchte dieser Vorlesungen von Universitäten im In- und Ausland sowie Lehrgänge von Wirtschaftsinstituten und der Deutschen Bank. Dennoch wurde ihm 1991 wegen mangelnden Bedarfs gekündigt. Die FU Berlin bescheinigte ihm in einem Gutachten zu seinem Arbeitsrechtsprozess, er gehöre zu „jener kleinen, die wissenschaftliche Diskussion befruchtenden Schar von Ökonomen aus der ehemaligen DDR, die dank ihres außerordentlichen Engagements und ihrer soliden theoretischen Grundkenntnisse schnell den Anschluss an den Standard westlicher Universitäten erreicht haben“. Doch Krelle blieb bei seinem mehrfach überlieferten Grundsatz: „Kein Marxist wird seinen Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzen, solange ich hier das Sagen habe.“ Dass die historischen Wurzeln jenes Antikommunismus, der Leitgedanke der Abwicklung war, völlig ausgeblendet wurden, konnte Schmidt nicht ertragen. Durch einen Sprung aus dem 13. Stock seines Wohnhauses nahm sich der seit langem Schwerbehinderte das Leben.

Der dogmatische Rigorismus Krelles war für bestimmte Menschen sehr viel folgenreicher, als der radikaldemokratische Rigorismus von Grass – auch das kann also die so verschieden starke Empörung in den Medien nicht begründen.

Bleibt die verborgene Dimension. Lässt sie sich beschreiben als eine vom affirmativen Mainstream ausgehende, unbewältigte Wut auf eigene, erzwungene Anpassung störende Abweichler? Wer von Eigentümern abhängig ist, braucht schon viel Selbstverleugnung, um in der offensichtlich unzulänglichen Eigentümerordnung keine grundsätzlichen Fragen zu stellen. Im Gegensatz zum immer systemtreuen Wilhelm Krelle, wurde Günter Grass seine scharfe Kritik am Kapitalismus, besonders an der US-amerikanischen Regierung, permanent vorgehalten. Seinen Kaiser-ist-nackt-Rufen folgte kein erlösendes Lachen, sondern der hasserfüllte Pranger. Wirkliche Macht funktioniert ohne Dekret. Agieren die Brokat und Seide Ansichtigen nicht wie unter Freiheitsberaubung Leidende? Ihr augenscheinlicher Kränkungszwang gegenüber den letzten unabhängigen Geistern könnte dafür stehen, dass sie das vor sich selbst nie eingestehen würden.