Jedes Leben ist einmalig. Victor Grossman konnte das, wenn es um ihn selbst ging, auf einen Satz
reduzieren. In seiner humorvollen Art sagte er: »Ich bin und bleibe der einzige Mensch, der erst ein
Diplom an der Harvard-Universität gemacht hat und dann an der Karl-Marx-Universität in Leipzig.«
Jedes Leben hat auch seine Logik, von der man im Nachhinein gern sagt: Anders hätte es nicht kommen
können. Wenn man ergänzen kann: Und das war gut so, hat sich ein Leben erfüllt. Im biblischen Alter
von 97 Jahren hat sich Victors Leben nun vollendet. Es zerstörte das Märchen von der moralischen
Überlegenheit des Westens – so fassen es seine Söhne in einem Satz.
Seine jüdischen Großeltern emigrierten einst aus Odessa und dem Baltikum nach New York – die
Familie führte ein gutbürgerliches Leben. Doch als er ein Jahr alt war, ereignete sich der New Yorker
Börsencrash, der die Weltwirtschaftskrise einleitete. Als Kind nahm er sie wahr: »Reihen von schäbig
gekleideten Männern, die auf kostenlose Suppe warteten, besser gekleidete Männer, die an Straßenecken
Äpfel verkauften, kilometerlange, übelriechende, selbstgebaute Hütten in einem Elendsviertel in der
Nähe von Newark«, beschrieb er es in den Lebenserinnerungen auf seinem Online-Bulletin Board vor
einem Jahr. So auch, wie er als Neunjähriger die Wochenschau sah, »mit glücklichen, unrasierten
Streikenden bei GM in Flint, die aus den Fabrikfenstern winkten, in einem dramatischen, von den
Kommunisten angeführten Sieg, der die USA veränderte«. Weil solche Aktionen letztlich zu Franklin D.
Roosevelts New Deal führten, der progressive Reformen im Sinne von Allgemeinwohl einführte und
seine Idee der »globalen Abhängigkeit aller von allen« vorantrieb.
Nachdem Roosevelt 1933 die Sowjetunion anerkannt hatte, bewunderte der Elfjährige, dessen
Geburtsname Stephen Wechsler war, auf der New Yorker Weltausstellung die Sowjets dafür, »den riesigen
Dnepropetrowsk-Damm zu bauen und die vorbildlichen Moskauer Marmor-U-Bahn-Stationen«. In seiner
Klasse an einer vornehmen Privatschule in Manhattan wurde er zum einzigen Linken. Beflügelt durch eine
große Streikoffensive der Gewerkschaft CIO half er später als Student der Ökonomie und der
Gewerkschaftsgeschichte beim Aufbau einer kommunistischen Parteizelle in Harvard.
Nach »sechs wundervollen Wochen« beim ersten Weltjugendfestival in Prag 1947, teilte er mit
Tausenden seine Hoffnung auf eine neu geborene Welt. 1948 sammelte Victor Unterschriften für den
bisherigen Vizepräsidenten Henry Wallace, der die Progressive Party gegründet hatte und mit ihr
Präsident werden wollte. Ihr Programm richtete sich gegen den Kalten Krieg, gegen die Rassentrennung
und gegen Großkonzerne, es forderte Mindestlöhne und die Auflösung der »Komitees für
unamerikanische Umtriebe«. Es schloss die Mitarbeit von Kommunisten nicht aus. Doch in Zeiten des
McCarthyismus brachte das der neuen Partei schwerste Angriffe der Demokraten und Republikaner ein.
Bei der letzten Wallace-Kundgebung in Boston jubelte Victor dem bewegenden Aufruf des schwarzen
Künstlers und Bürgerrechtlers Paul Robesons zu, nach dem es eines Tages Sozialismus in Amerika geben
würde. »Und dann kam die katastrophale Wahlniederlage, die uns allen das Herz brach.«
Ein letzter Versuch, die Arbeiter-Linke der 1930er Jahre zu retten, war 1949 das große Open-Air-
Konzert mit Paul Robeson in Peekskill. Grossman war unter den 20 000 Besuchern, die von der
Staatspolizei gezwungen wurden, über eine Gasse im Wald zu fahren, gesäumt von faschistischen
Banden mit Steinhaufen, die die Fenster der Busse einwarfen, um Robeson dafür verantwortlich zu
machen. »Die US-Linke wurde von den McCarthys und den Dulles-Monopolkräften zerschlagen – es
folgten zehn harte Jahre voller Angst, Inhaftierungen und Aggressionen.«
So trat 1950 der McCarran Act in Kraft. Jeder Kommunist sollte sich bei der Polizei als
»ausländischer Agent« melden, ansonsten würde er eine Strafe von fünf Jahren Gefängnis pro Tag (!)
der Nichtregistrierung plus Geldstrafe erhalten. Kaum jemand hat sich gemeldet.
Als 1950 der Koreakrieg begann, wurde die Wehrpflicht, gegen die er demonstriert hatte, wieder
eingeführt. In der Armeebasis bekam jeder eine Liste mit über hundert zumeist linken und einigen
faschistischen Organisationen. Man hatte zu unterschreiben, nie Mitglied gewesen zu sein. »Ich war aber
in einem Dutzend solcher Organisationen wie den Young Progressives, der American Labor Party, der
Spanish Relief, der Southern Negro Conference und der Kommunistischen Partei.« Er hatte nur Sekunden,
sich zu entscheiden, und unterschrieb in der Hoffnung, dass niemand nachprüft.
Zunächst hatte er großes Glück und wurde statt nach Korea zu den US-Besatzern in Bayern geschickt.
Er passte sich an, wagte nur wenige politisch motivierte Ausnahmen, zum Beispiel den Besuch einer
Versammlung linker Jugendlicher in Stuttgart zum Frauentag. Doch im August 1952 kam Post vom
Pentagon; sieben seiner verwerflichen Mitgliedschaften wurden aufgelistet und ihm wurde befohlen,
»am Montag beim Militärrichter zu erscheinen«. (Jahrzehnte später belegten 1100 Seiten Akten vom
FBI, dass die Agenten von J. Edgar Hoover ihn genau beobachtet hatten. Sowohl den linken Harvard-
Studenten – die Namen von sieben Informanten wurden geschwärzt – als auch den Arbeiter in Buffalo,
wo er helfen wollte, die wenigen noch kämpferischen linken Gewerkschaftsverbände zu retten.
Betroffene wussten lange vor Edgar Snowden, wie das Spitzelsystem in den USA funktioniert.)
Victor Grossman war klar, dass er für seine Falschaussage mit Jahrzehnten Haft und bis zu 10 000
Dollar bestraft werden konnte. Ihm blieben fünf Tage Zeit. Er entschloss sich, mit dem Zug nach Linz
zu fahren, in die US-Zone im besetzten Österreich. Im Morgengrauen durchschwamm der Deserteur
dort die Donau, um auf der anderen Seite das Quartier der sowjetischen Armee zu finden. Eine für
Flüchtlinge eher unübliche Himmelsrichtung. Der am anderen Ufer nach einigen Stunden des Suchens
gefundene Offizier war freundlich, aber zurückhaltend, schickte ihn zum sowjetischen Hauptquartier in
der Nähe von Wien. Dort verbrachte er zwei Wochen unter Bewachung in einer Kellerzelle.
Nach einigen Zwischenstationen, teilweise mit Wachen der Roten Armee, landete er mit etwa 40
anderen Deserteuren aus sechs westlichen Ländern in Bautzen. Das hatte aber nichts mit dem »Gelben
Elend« zu tun. Die kleine Stadt wurde wohl ausgewählt, weil sie übersichtlich und am weitesten von
westlichen Grenzen entfernt war. Die Geflüchteten wurden privat untergebracht, bewegten sich frei und
bekamen Arbeit, Ausbildung und Lohn. Victor lernte den Umgang mit einer Drehmaschine und wurde
bald zum Kulturverantwortlichen in ihrem »Hauptquartier«. Das war eine prächtige Villa, in der er bald
Filmabende, Sprachkurse und Tischtennis organisierte. »Und ich hatte das große Glück, meine
lebenslange Liebe Renate und ihre Dorfgemeinschaft kennenzulernen, die nun auch meine wurde.« Weil
sie »allesamt echte Antinazis« waren, wie er schrieb.
(Übersiedlungen von West nach Ost waren übrigens nicht so einmalig. Zwischen 1950 und 1990
kamen mehr als eine halbe Million Menschen aus der BRD in die DDR, meist aus privaten Erwägungen.
Außerdem studierten etwa 22 000 aus Diktaturen wie Chile, Spanien oder Griechenland Geflüchtete an
DDR-Hochschulen, manche blieben.)
1954 wurde Stephen, der sich zum Schutz seiner in den USA verbliebene Angehörigen inzwischen
Victor Grossman nannte, an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität immatrikuliert. Dort
erlebte er als Schock 1956 die Chruschtschow-Rede über die Verbrechen Stalins, »die Stunden, Wochen
und Jahre des Bedauerns und neuen Denkens auslöste, aber auch anhaltende Dankbarkeit für die
Anstrengungen und Opfer von Millionen Menschen in der UdSSR, eine Welt ohne Milliardäre,
Profiteure und die daraus resultierenden Krisen aufzubauen«.
Als Journalist fand Grossman dann in Ost-Berlin diverse Betätigung, u. a. als Assistent von John Peet,
dem ehemaligen britischen Reuter-Star und Veteranen des Spanischen Bürgerkriegs, der auch in die DDR
übergetreten war. Dessen zweiwöchentlicher Democratic German Report berichtete positiv über die DDR
und gleichzeitig über ehemalige Nazis auf allen Ebenen der westdeutschen Gesellschaft und Regierung.
Victor arbeitete für Radio Berlin International, für diverse Zeitungen und baute von 1965 bis 1968 ein Paul-
und-Eslanda-Robeson-Archiv an der Akademie der Künste auf.
»Ich kam immer gut mit Kollegen zurecht, aber nie mit Vorgesetzten.« Sein Widerspruchsgeist
verärgerte einige Leute und er beschloss, freischaffend zu werden. »Ich hatte aber irgendwie eine
›Narrenlizenz‹ und mehr als genug Auftritte in der ganzen Republik.« So entging ihm nicht, wie die
DDR seit Ende der 70er Jahre auf die schiefe Ebene geriet – »gelähmt durch veraltete, realitätsferne
Führer und den Druck der UdSSR«, aber vor allem von der westlichen Konkurrenz und deren
»meisterhaften Spin-Doktoren jeden Abend im Fernsehen. Wie Fox News«.
Grossman war froh, als die Mauer fiel, für die Familien und Freunde, die darunter gelitten hatten. Er
selbst fühlte sich aber wieder bedroht. Er war erbittert über die schnelle Kolonialisierung dessen, was er
immer noch als einen emanzipatorischen Versuch zum »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«
betrachtete, als die »am wenigsten schlechte Variante«. Victor war unser Transatlantiker in der Bürger-
und Friedensbewegung. Seine Unbestechlichkeit nötigte mir Respekt ab. Ich konnte mich darauf
verlassen, den großen Guy auf jeder Demo herzlich winkend zu entdecken und mit seinem
amerikanischen Akzent umgehend in strategische Gespräche verwickelt zu werden. Es war anrührend,
mit welch bescheidener Entschlossenheit er sich diskutierend, korrespondierend und schreibend um Ost-
Interessen kümmerte.
Im kurzen Tauwetter nach Ende des kalten Krieges konnte ein US-Rechtsanwalt seinen Status klären
und er besuchte zum ersten Mal nach 42 Jahren die alte Heimat. Sein Herz war bewegt von dem, was
ihm sofort wieder vertraut war – so viele nette Menschen, der geliebte Central Park, die Dynamik der
Stadt, zu der freilich auch all die Obdachlosen gehörten und eine Rechnung von 5000 Dollar für die
Nacht im Krankenhaus nach einem Schwächeanfall seiner Frau Renate. Aber all die
Wiedersehensfreude konnte nicht »das Gefühl der Erleichterung nach meiner Rückkehr in meine
langsamere, ruhigere, sogar verschlafene Karl-Marx-Allee in Berlin überwinden. Ich habe zwei
gegensätzliche Heimatstädte.«
Den Ossietzky-Autor Victor Grossman trieb zuletzt die Gefahr eines vernichtenden Krieges um, der
sogar ein Atomkrieg sein könnte. Gestützt von modernen Formen des Faschismus und einer
gewinnmachenden Clique. Am gefährlichsten waren aus seiner Sicht »solche wie Lockheed Martin,
Northrop Grumman, Rheinmetall, Krupp-Thyssen …«. Er hoffte auf eine Protestbewegung wie in seiner
Jugend. »Ich werde das Wenige, was ich in dieser Richtung anstoßen kann tun, solange ich kann.«
Mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus liegend, besprach er am Vorabend seines Todes mit
den beiden Söhnen seine unerledigten Vorhaben. Sein auf Deutsch erschienenes, sehr emotionales
Spanienbuch »Madrid – Du Wunderbare« liegt bis auf ein paar Quellennachweise druckfertig auf
Englisch vor und wird in Kürze erscheinen. Für seine Autobiografie »Der Überläufer«, das er als sein
wichtigstes Buch bezeichnete, liegt eine Zusage von edition ost vor, an die zu erinnern sei. Seine im
Laufe der Jahre etwa 1500 geschriebenen Blogs sollten digital zugänglich bleiben. An alle Leser seines
Blogs müsse ein Abschied geschrieben werden.
Ein Vermächtnis, nach dem der beste Abschied die Wiederbegegnung mit Victor Grossmans
hinterlassenen Schriften ist. Er schloss sie gern mit: Shalom! As-salaam alaikum! No pasarán!
Pasaremos!