Warum sehen Ost- und Westdeutsche Russland bis heute so unterschiedlich? Über kulturelle und biografische Bruchlinien – und die Notwendigkeit von Pragmatismus statt Feindbildpflege.
Ostdeutsche Allgemeine Zeitung | 22.02.2026

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Zu den wesentlichen Unterschieden zwischen Ost und West gehört ein anderes Empfinden gegenüber Russland und seinen Menschen. Verknappt gesagt, stoßen da auf Begegnung gegründete Urteile auf ideologische Vorurteile. Selbst durch die Riege der CDU-Ministerpräsidenten geht dieser Bruch. In ihm liegt ein Potenzial, das jetzt produktiv zu machen wäre. Wenn man in absehbarer Zeit überrascht feststellen wird, dass Europa bei Strafe seiner Bedeutungslosigkeit nicht umhinkommt, mit dem größten, rohstoff- und bevölkerungsreichsten Land auf dem Kontinent Verbindung aufzunehmen, dann wird über verschüttete Gräben hinweg östlicher Pragmatismus unverzichtbar sein.
Die Ostdeutschen haben ihre jahrzehntelangen, gemischten Erfahrungen mit ihren Befreiern und Besatzern, die Westdeutschen ihre eher moralisierenden, medialen Vermittlungen. Da stehen ambivalente Alltagserfahrungen gegen abstrakte Feindbilder. Auch wenn selbstverständlich nicht alle in einem System Sozialisierte und deren soziale Erben unter einen Interpretationshut gehören, fällt auf, dass die meisten Ostdeutschen gegenüber den Russländern zwar keine romantische Verbundenheit pflegen, aber doch eine entideologisierte Nähe.
Vernichtungsfantasien von „Mein Kampf“ bis zur Operation „Broiler“
Historisch ging der Ost-West-Kluft zweifellos eine gemeinsame deutsche Russen-Feindseligkeit voraus. Zu den Stereotypen des jungen Bürgertums im Deutschland des 19. Jahrhunderts hatte bereits der herablassende Blick auf die „rassisch minderwertigen Slawen“ gehört und damit auf den „bedrohlichen Koloss im Osten“. Die kurze Annäherung nach dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Rapallo, der eine wirtschaftliche Zusammenarbeit vorsah, die unter anderem die Abhängigkeit von amerikanischem und britischem Öl mildern sollte, endete mit dem Mord an Außenminister Walther Rathenau.
In „Mein Kampf“ forderte Hitler 1924, die Willensfreiheit des Volkes einzuschränken und den Fanatismus zu erzeugen, „der Voraussetzung für die psychische Vernichtung des Feindes ist“. Die Notwendigkeit der „Front gegen Moskau“ ergebe sich aus einem „geheimen Aufmarsch der Roten Armee gegen Deutschland“. (Auch heute gibt es zum Beleg der russischen Bedrohung von Nato-Territorium nur nicht näher genannte Geheimdienstquellen.) Ohne „Freiheitskampf“ drohe „die Vernichtung aller menschlichen und europäischen Werte“, so Hitler.
Unter der Einsicht der „globalen Abhängigkeit aller von allen“ erkannte US-Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 die Sowjetunion an, in der Hoffnung auf neue Absatzmärkte. Das hinderte mächtige US-Unternehmen und Privatbanken nicht daran, kräftig in Hitlers Kriegsmaschinerie zu investieren – darunter die Bank von Bushs Großvater, Senator Prescott Bush. Erst im Krieg bildeten die Westalliierten und die UdSSR eine Art antifaschistische Wertegemeinschaft – die nach ihrem Sieg zur Rechtsgrundlage für die Nürnberger Prozesse wurde.
Doch eine echte Gemeinsamkeit hat es nie gegeben. Sofort nach der Kapitulation Deutschlands gab der britische Premier Winston Churchill die Operation „Unthinkable“ in Auftrag – einen Angriff auf Stalins Rote Armee, unterstützt von 100.000 wiederbewaffneten Wehrmachtsoldaten. Innerhalb von zwei Wochen legte Lionel Ismay, der spätere erste Nato-Generalsekretär, den Kriegsplan vor.
Parallel dazu ließ US-Präsident Harry Truman mit TOTALITY das Szenario für einen Atomkrieg gegen die Sowjetunion ausarbeiten: 30 Bomben auf 20 sowjetische Städte, darunter acht auf Moskau und sieben auf Leningrad. Der zynisch „Broiler“ genannte Angriff sollte von einer Landoffensive mit sechs Millionen Soldaten begleitet werden und den Feind vernichtend schlagen.
Igor, die Brücke und der zerfetzte Fuß
Der Kalte Krieg begann mit heißen Plänen. Und mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen der Nachkriegsgeneration. Die war auf beiden Seiten überfordert, sich einen Reim auf das Undenkbare zu machen. Ende der 1950er-Jahre musste auf meinem Schulweg eine Brücke über den Teltowkanal überquert werden, an der wie an allen Brücken ein sowjetischer Soldat zur Bewachung stand. Dabei war es nur eine schmale Holzbrücke für Fußgänger. Die drei Autobrücken im Ort hatten die Nazis vor Ankunft der Roten Armee gesprengt.
Dieses Provisorium hieß nun Friedensbrücke. An ihr war nichts los, der junge Kerl langweilte sich sichtlich. Wir kleinen Mädchen blieben gern bei ihm stehen und schielten auf die bunten Abzeichen auf Igors Uniform. Manchmal verschenkte er sie und es dauerte, bis er neue angesteckt hatte. Unsere Jungs interessierten sich mehr für die Maschinenpistole, die er umgehängt vor der Brust trug. Sie vorzuführen war natürlich verboten, aber er ließ sich erweichen.
Bis sich versehentlich ein Schuss löste und das Bein meines Klassenkameraden Horst zerfetzte. Das Bein blieb auch nach mehreren Operationen steif, Igor war auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Wir hatten ein schlechtes Gewissen. Die Friedensbrücke blieb fortan unbewacht.
Später veröffentlichte die Betriebszeitung unserer Patenbrigade, wie eine kleine Delegation von sich und Pionieren von uns einen Freundschaftsbesuch in der nahegelegenen Kaserne machte. Das war zwar ein eher formales Ritual, aber nicht ohne innere Anteilnahme. Auch wenn wir die Zahl von 73.000 Rotarmisten nicht im Kopf hatten, die allein in der Schlacht um Berlin ihr Leben verloren, wussten wir doch, dass unzählige junge Kerle wie Igor, aber auch hohe Generäle und Sanitäterinnen sterben mussten.
Noch heute gibt es in Deutschland 3400 Plätze, an denen sowjetische Kriegstote bestattet sind. Und da die Rote Armee nun mal den Osten befreit hat, liegen die meisten hier. Uns kann niemand erzählen, dass der Zweite Weltkrieg in der Normandie gewonnen wurde.
1990: Zwei Geschichtsbilder prallen aufeinander
Die Volkskammer beschloss schon 1950, den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ in der DDR zum gesetzlichen Feiertag zu erklären. In der BRD brauchte es bekanntlich weitere 35 Jahre, bis ein Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Bundestagsrede diese Lesart anempfehlen konnte. Gar einen Feiertag vorzuschlagen, lag jenseits alles Denk- und Wünschbaren. Selbst wenn die UN-Vollversammlung 1985, zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, auf Vorschlag der DDR den 8. und 9. Mai zu Ehrentagen des Sieges über Nazismus und Faschismus erklärt hat. Für einen solchen Ehrentag hätte die staatliche Traditionspflege in der Bundesrepublik mit allen NS-Hinterlassenschaften brechen müssen – was sie bis heute nicht getan hat.
1990 stießen zwei festgeprägte Geschichtsbilder aufeinander. Bundesdeutsche Schulbücher der 50er- und 60er-Jahre hatten Furcht und Schrecken vor dem aggressiven russischen Bären verbreitet. Ob es in ihnen, wie in meinem Geschichtsbuch der neunten Klasse, auch Fotos davon gab, wie „Sowjetbürgerinnen von faschistischen Soldaten gezwungen werden, der Ermordung ihrer Angehörigen zuzusehen“, vermag ich nicht zu sagen. Im „Grundriss der Geschichte für die Höheren Schulen“ (Ernst Klett Verlag Stuttgart, 1964) etwa wird der Sowjetunion, als habe es all die Vernichtungsfantasien und -praktiken nie gegeben, ein „argwöhnisches Sicherheitsbedürfnis“ angelastet.
Das habe dazu geführt, dass der Kreml – „trotz radikaler Abrüstung der Westmächte – bereits 1945 ein riesiges Rüstungsprogramm in Angriff nahm“. (Ein riesiges Rüstungsprogramm mit globalen Militärbasen nahm 1945 die USA auf, die SU hatte das extrem verwüstete Land aufzubauen.) Laut Lehrbuch zeichne sich jedoch der dem Faschismus in nichts nachstehende, „globale Sieg der Weltrevolution drohend ab“. Kommentar der US-Philosophin Susan Neiman: „Je übler die Bolschewiki heute erscheinen, desto besser sehen die Nazis im Rückblick aus. Wenn Faschismus und Kommunismus dasselbe sind, haben Vater und Großvater nicht doch das Böse bekämpft?“
Bestärkt durch den McCarthyismus der großen Schutzmacht, war der Antibolschewismus in Westdeutschland von allem Anfang an Staatsdoktrin. Er war das, was man nicht nur ungestraft, sondern mit breitem gesellschaftlichem Konsens vom Faschismus übernehmen durfte. Die Nato wurde 1949 mit dem einzigen Ziel gegründet, den Kommunismus zu bekämpfen.
Letztlich gab es in meiner Generation auf beiden Seiten ein halbtaugliches Wissen über die Ursachen von Naziherrschaft, Krieg und fortgesetztem Kalten Krieg. Während der Osten ganz auf die Konzerne und Banken setzte, die Hitler an die Macht brachten, um ihr Geschäft mit ihm zu machen, blendete die dominierende westliche Geschichtsschreibung diese Seite aus und konzentrierte sich auf die im Osten vernachlässigten Psychologien von Führer und Verführten, von Volk und Gefolgschaft, von bösem Diktator und willigen Vollstreckern. So konnte immerhin die im Osten schmerzlich spürbare Lücke bei der Aufarbeitung des Stalinismus eifrig in Angriff genommen werden.
Das östliche Russland-Narrativ
Statt nun nach dem Beitritt wenigstens diese beiden Narrative zu vereinen, wurde das östliche in üblicher Routine verdammt, das westliche strapaziert – unter anderem mit einem Dutzend Fernsehfilmen über Hitlers Frauen, Friseure und Hunde. Viele von uns waren da Anspruchsvolleres gewohnt, aufgewachsen mit künstlerisch anrührend erzählten Filmen aus eigener (Konrad Wolf) oder sowjetischer Produktion darüber, was Menschen einander angetan haben. „Komm und sieh“, einer der niederschmetterndsten Antikriegsfilme, die ich je sah, mutet ohne Heldenpathos Bilder zu, wie sie in Weißrussland vielhundertfach abliefen: eine mit Frauen, Kindern und Alten vollgestopfte Dorfkirche, die die Wehrmacht in Brand setzt.
An frühen Filmen wie „Die Kraniche ziehen“ von Michail Kalatosow, „Zwanzig Tage ohne Krieg“ von Alexej German oder „Ein Menschenschicksal“ von Sergej Bondartschuk kam man nicht vorbei. In den Lehrplänen war die heroische Gegenwartsliteratur obligatorisch, in den Konzertsälen und auf den Bühnen begegnete man aber der russischen Klassik. Theaterleute pilgerten nach Moskau, um die avantgardistische Bühnenkunst Meyerholds zu studieren – eines der Opfer stalinistischer „Säuberungen“. Kenner schätzten lange vor der Perestroika für DDR-Verhältnisse bemerkenswert kritische Gegenwartsfilme und Romane. Wer für Kultur empfänglich war, dem war auch die russische nicht fremd. Sie gehörte mehr oder weniger zum Alltag.
Nicht wenige Ostdeutsche haben aber auch die nach deutscher Kriegsschuld staunenswert offenen sowjetischen Menschen kennengelernt – Delegazija: dienstlich, studienhalber, touristisch, privat. Begegnung mit Russland ist Begegnung mit Tragik – Stalingrad nur eine Metapher dafür. Da uns gar nichts anderes übrig blieb, reisten wir nach Osteuropa, per Reisebüro gern auch auf die Krim oder ans Schwarze Meer. Mitunter in Privatquartieren von Leuten, die auch nicht viel hatten. Wir waren konfrontiert mit uns beschämender Gastfreundschaft, mit großen Familien-, Nachbars- und Freundesrunden, die Zeit füreinander hatten, und mit nicht enden wollenden Trinksprüchen über den Frieden, die Freundschaft und die Liebe. Je hehrer das Begehr, je unabweisbarer die Sto Gramm.
In den Siebzigerjahren arbeiteten Tausende FDJler jahrelang in der Ukraine an dem über 500 km langen DDR-Abschnitt der Erdgastrasse Druschba, also Freundschaft. Eine praktische und finanzielle Herausforderung, da zahllose Berge, neun Sümpfe, ein Stausee und bei Krementschug der mächtige Fluss Dnepr unterquert werden mussten. Nach getaner Arbeit, die selbstständig zu leisten war, traf man auf den Märkten oder in Kultur- und Sportstätten die Bewohner der umliegenden Orte.
Dass diese – auch unter sich – Russisch sprachen, überraschte niemanden – man war eben in der Sowjetunion. Ein Autor, der an der Trasse Tagebuch geführt hat, erzählt, wie sie einer Hochzeitsgesellschaft begegneten: Die Brautmutter hörte Deutsch, krempelte den linken Ärmel hoch und zeigte ihre eingebrannte KZ-Nummer. „Das ist lange her“, sagte sie, „ihr seid anders“, kommt rein. Kein einmaliges Erlebnis. Die erwähnte Nähe wurde nicht zuletzt durch das erfahrene Wunder bewirkt, wie die deutschen Verbrechen des Vernichtungskrieges vergeben wurden. Die trotz allem ausgestreckten Hände waren wohl nur durch eine berührende Menschlichkeit zu erklären.

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Alltagsnähe durch gemeinsame, realsozialistische Erfahrung
Dass diese Südtrasse gar nicht in die DDR führte, sondern bis Budapest und Prag, spielte keine Rolle – das war alles ein sozialistischer Verbund. Später wurde sie bis nach Österreich verlängert – bis heute die älteste Verbindung, durch die die Ukraine bis unlängst Gas aus Sibirien passieren ließ. Langlebiger als der erlebte Frust wegen politischer Bevormundung ist eine gewisse Alltagsverbundenheit durch gemeinsame, realsozialistische Erfahrungen.
Die Ostdeutschen haben offenbar ihre einstige Besatzungsmacht nicht in so schlechter Erinnerung. Angesichts der jungen, zurückhaltenden Muschkoten in den trostlosen Kasernen kam wohl niemand auf die sonst übliche Idee, dass es den Besatzern besser ginge als den Besetzten. Das relativierte Schreckensbilder. Zwar war die Massenorganisation Deutsch-Sowjetische Freundschaft eine leere Hülle, aber bis 1989 haben doch alle Russisch gelernt. Oft ungern, aber heute schenken sie sich Souvenirs mit der Aufschrift: Венн Ду дас лезен каннст, бист Ду кейн доофер Весси!
Die mentalen Erben des Warschauer Vertrages halten Abschreckung für ein falsches Konzept von Sicherheit. Spätestens seit Immanuel Kant wisse man doch, dass diese letztlich nur durch Vertrauen zu gewinnen sei. Nicht zufällig hat nur das Ostinstitut in Wismar im Dezember 2021 den bemerkenswerten Entwurf des Kremls für eine transatlantische Sicherheitsordnung publiziert.
Am nächsten kommen der verbreiteten östlichen Sicht die Protagonisten der SPD-Entspannungspolitik. „Aus der Annexion der Krim zu schließen, dass russische Soldaten demnächst in Riga oder gar Warschau einrücken“, sei uns nicht erlaubt, schrieb Erhard Eppler in einem späten Aufsatz. Für die weitaus meisten Russen sei die Angliederung der Krim „die angemessene Reaktion“ auf einen vom Westen begünstigten Putsch, „mit dem die Ukraine zum ersten Mal seit tausend Jahren eine Gefahr für Russland geworden“ sei.
Der Osten erlaubt mehr Zweifel und Ambivalenz
So wird auch die Tragödie des Krieges in der Ukraine oft unterschiedlich wahrgenommen. Im Osten setzt man weniger auf moralischen Rigorismus als auf geopolitische Ursachenanalyse. Umfragen schwanken im Winde, aber ziemlich konstant stimmen etwa doppelt so viele Ostdeutsche wie Westdeutsche der Ansicht zu, dass die Nato Russland so lange provoziert hat, bis es in den Krieg ziehen musste. Das bedeutet keine Zustimmung zu diesem Krieg, aber eine weniger einseitige Interpretation der Schuldfrage, eine Ablehnung des platten Dualismus von Schwarz und Weiß, Gut und Böse, nach dem „der Russe“ eben schon immer Iwan der Schreckliche war.
Während der Westen jede Abweichung von seiner Deutungshoheit als Putin-Propaganda verdammt, fragt eine im Osten auf mehr Zustimmung stoßende Gegenöffentlichkeit nach dem Umgang mit Ambivalenz in Kriegssituationen und der Legitimität von Zweifel. Im Osten bezweifelt man stärker, dass es der Nato darum geht, die Ukraine zum Sieg zu führen, als Russland zu ruinieren. Hier hat man mehr bedauert, dass sich die ukrainische Führung bei den Friedensverhandlungen von Istanbul unter enormem Druck von Boris Johnson und Joe Biden gegen einen diplomatischen Kompromiss, für militärischen Siegfrieden, also für die Weiterführung des Krieges entschieden hat – welch unzumutbares Leid dies auch für die Bevölkerung bedeuten würde.

© Ukrainian Presidential Press Off/AP
Der Westen weiß, wer recht hat, der Osten will wissen, wie es so weit kommen konnte und wie es beendet werden kann. Viele Ostdeutsche hatten trotz der Ablehnung von gängelnder Bevormundung auch im Kalten Krieg ein respektvolleres, pragmatischeres, stärker historisch geerdetes Verhältnis zur Sowjetunion und dem Vielvölkerstaat Russland.
Aus ihrer Sicht wurden die Feindbilder in der Bundesrepublik lange Zeit, und nun wieder verstärkt, von deutscher Schuld entkoppelt und auf Bedrohung durch den russischen Bären reduziert. Selbst wenn eine Mehrheit in der DDR die politischen Überzeugungen des Kremls nicht teilte, hat sich doch ein durch Erfahrung erzeugtes Hintergrundflimmern erhalten, dessen Basiswärme vor Feindseligkeit oder gar Hass schützt. Vielleicht hat dazu auch die gemeinsame Erfahrung des Epochenbruchs von 1990 beigetragen.
Wenn sich dieser Stellvertreterkrieg endlich einem Ende zuneigt, wird es auf die rudimentäre Fähigkeit zur Verständigung ankommen. Wenn dann Friedensbrücken rekonstruiert, gar Trassen der Versöhnung gelegt werden müssen, wird sich östliches Einfühlungsvermögen als enormer Vorzug erweisen.