Ist die Links-Rechts-Unterscheidung überholt? Publizistin Daniela Dahn widerspricht vehement und nennt klare Kriterien fürs Linkssein – von Antikapitalismus bis Atomwaffenverbot. Doch selbst ihr wurde plötzlich ihre Gesinnung abgesprochen
erschienen in der Freitag 12.09.2026
Ich halte nichts von der um sich greifenden Ansicht, wonach sich links und rechts als Positionsbeschreibung überholt hat. Im Gegenteil, ich lege Wert auf mein unverändertes, wenn nicht noch entschlosseneres Links-Sein. Allerdings übersehe ich nicht, dass sich eine gewisse Beliebigkeit ausgebreitet hat, dass man derartige Begriffe nicht mehr voraussetzungslos benutzen kann, ohne zu erklären, wovon die Rede ist.
Die gültige Kurzformel für eine Links-Position ist immer noch die der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Also Mitmenschlichkeit. Dass Rechte diese Formel gelegentlich auch beanspruchen, scheint mir ein Etiketten-Schwindel. Gerade Gleichheit war nie ein rechtes Markenzeichen.
Alles nationalistisch Deutschtümelnde steht dem entgegen. Rechts und soziale Empathie schließen sich auch aus. Alle Parteien, die zugestimmt haben, dass in den nächsten Jahren mehr als 40 Prozent des Bundeshaushaltes in Rüstung und „Verteidigung“ fließen sollen, also für Zwecke des Gemeinwohls fehlen, sind für mich rechts.
Links-rechts-Schema entstand 1789 – heute regiert der König Kapitalismus
Bekanntlich ergab sich die links-rechts Zuschreibung ursprünglich aus der Sitzordnung der Abgeordneten der Assemblée national constituante. Jakobiner und andere eher Radikale saßen 1789 aus der Sicht des Königs links, monarchistische eher rechts.
Die Hauptstreitfrage war, wie weit die Revolution gehen solle, welche Stellung der König und die Verfassung haben würden. Damals gab es noch keine Parteien oder gar so etwas wie Fraktionsdisziplin, so dass die Mitglieder der Nationalversammlung in den hitzigen Debatten ihre Meinung auch änderten und sich umsetzten.
Aber links blieb links vom König. Der Bundestag ahmt diese Tradition nach. Heute haben wir allerdings den König Kapitalismus – links sollte also unumgänglich antikapitalistisch sein. Die Existenzbedingung dieser Kapital-Monarchie ist unendliches Wachstum in endlicher Natur. Der neue König gedeiht in Pseudodemokratien und er ist im Faschismus gediehen, auch wenn der deutsche dies im nationalsozialistischen Kostüm tarnen wollte.
Macht KI das „Recht auf Arbeit“ bald gänzlich irrelevant?
Zum verheerenden Zweiten Weltkrieg hatten auch schwere soziale Verwerfungen beigetragen. Danach heißt es 1948 folgerichtig in der Präambel der Menschenrechtserklärung, es gehe um die Schaffung einer Welt, die „frei von Furcht und Not“ ist. Gegen die Furcht wurden die klassischen, freiheitlichen Menschenrechte erlassen, gegen die Not die modernen, sozialen hinzugefügt. Beide sind gleich verbindlich.
In der DDR wurden die bürgerlichen Rechte nicht ernst genommen, in der Bundesrepublik die sozialen nie akzeptiert. Insbesondere das Menschenrecht auf Arbeit könne der Staat nur garantieren, wenn er selbst Unternehmer sei, wenn also Volkseigentum herrscht. „Da will man systematisch das Grundgesetz für allen Unsinn büßen lassen, den sich ein gewisser Marx im Britischen Museum angelesen hat.“
Das konnten sich die nach Währungsunion und Treuhand-Privatisierung schnell erschienenen, vier Millionen Arbeitslosen im Vorwort der 1991er dtv-Ausgabe des Grundgesetzes anlesen. Das Recht auf Arbeit stehe im Widerspruch zum freiheitlichen Staat. Könnte im Auge des kapitalistischen Zyklons KI das Recht auf Arbeit gänzlich irrelevant machen, durch die Abschaffung der Arbeit?
Realsozialismus und Wohlstand: Was Sacharows Theorie bis heute erklärt
Die Erfahrung, dass die sozialen Menschenrechte einklagbar waren, gehört dennoch nicht zu den schlechtesten, die DDR-Sozialisierte hinter sich haben. Bis heute gibt es keine Forschung dazu, was im Realsozialismus tatsächlich links war.
Also zu den Auswirkungen von Volkseigentum auf zwischenmenschliche Beziehungen, von genossenschaftlichem Eigentum auf das Leben auf dem Lande, zur notgedrungenen Sabotage des Konsumdenkens und der Zweitrangigkeit von Geld als eigentlichem Kapital. Fassungslos nimmt man zur Kenntnis, dass im Osten wachsender Wohlstand nicht unbedingt wachsendes Wohlbefinden nach sich zieht.
Als ich 18 war, las ich das Buch des antistalinistischen Dissidenten und späteren Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow: „Wie ich mir die Zukunft vorstelle“. Nur der Wettbewerb mit dem Sozialismus habe den sozialen Fortschritt des 20. Jahrhunderts ermöglicht, schrieb er. Damals war die Konvergenztheorie en vogue. Auch Sacharow hoffte, dass sich beide Systeme annähern und ihre Vorzüge vereinen werden. Wandel durch Annäherung?
SPD-Niedergang: Wie Egon Bahr die zerstrittene Linke zusammenhielt
„Es ist eine historische Grunderfahrung, dass Reparaturen am Kapitalismus nicht genügen. Eine neue Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft ist nötig“, hieß es noch im Berliner SPD-Programm von 1989. Der Niedergang der Sozialdemokratie hängt mit ihrem völligen Verzicht auf alternatives Denken zusammen. Beim Niedergang des Realsozialismus gefiel sich der Sieger in der Diffamierung jeglicher klassisch linker Idee. Etwa der vereinfachend auf den Punkt gebrachte von G. Bernard Shaw: „Sozialismus ist eine Ansicht darüber, wie die Einkünfte eines Landes aufgeteilt werden sollen.“
Die Vereinigung ist als feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen über die Bühne gegangen. Die Inszenierung ein kurzer Prozess, ein Anschluss durch Unterwerfung. Und während die Rechte sich einig ist in der Geschäftemacherei, pflegt die Linke ihren Zwang zur kleinsten Differenz. Was mich immer wieder ärgert.
Doch es gab auch immer Brückenbauer. Geprägt hat mich die Freundschaft zu Egon Bahr, der von sich sagte, älter werdend, werde er immer linker. Er holte mich als (bis heute) Parteilose vor fast 30 Jahren in den sich konstituierenden Willy-Brandt-Kreis. Das war damals der einzige geschützte Raum, in dem Sozialdemokraten mit den Unberührbaren von der PDS und frei vagabundierenden Linken wie mir, noch reden konnten.
Kontaktschuld in der Linken: Warum die Fraktion mich wieder auslud
Später luden wir die pazifistische Grüne Antje Vollmer zu uns. Mich bald selbst als Brückenbauerin verstehend, nahm ich im linken, meist zerstrittenen Spektrum gern Einladungen an – kreuz und quer zu allen Dogmen. Ob von Gewerkschaften oder attac, der Kommunistischen Plattform der Linken oder IALANA, dem „Internationalen Friedensbüro“ oder der Luxemburg-Stiftung, der Bürgerrechtsvereinigung Humanistischen Union oder der in Graz regierenden KPÖ.
Doch inzwischen gilt in Teilen dieser Szene auch Kontaktschuld. Hatte mich die Fraktionsspitze der Linken im Bundestag eingeladen, bei ihrer Gedenkveranstaltung zum 85. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion eine kleine Rede zu halten, so lud sie mich nach einiger Zeit ohne Angabe von Gründen wieder aus.
Nur hinter vorgehaltener Hand war zu erfahren, dass mein Auftritt unvereinbar gewesen wäre mit meiner Mitarbeit in der Grundwertekommission des BSW. Kleinkariert und unsouverän. Links sein heißt auch, die eigentlichen Herausforderungen dieser Zeit nicht durch persönliche Animositäten zu verschütten.
Atomwaffenverbot: AfD dagegen, Linke und BSW als einzige dafür
Linke halten die Erinnerung an die Gräuel der Kriege wach, stellen sich geistiger Mobilmachung zu neuen Schlachten in den Weg. In diesem Sinne links ist die diesjährige Rom-Erklärung der Experten aus der päpstlichen Sommerresidenz: „Die Menschheit steht an einem entscheidenden Moment ihrer Geschichte.“
Es gäbe neue Chancen, aber auch nie gekannte Risiken. KI-Entwickler räumten in dem Papier ein, dass sie selber die Konsequenzen ihrer eigenen Entwicklungen kaum abschätzen können. Bei KI-gestützter Kriegsführung müsse die Letztentscheidung unbedingt bei Menschen bleiben. Die Rolle von Atomwaffen in den Sicherheitsdoktrinen sei zu vermindern. Die AfD ist gegen den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag. Linke und BSW sind als einzige uneingeschränkt dafür. Sind ihre Schnittmengen nicht doch noch größer als ihre Schnittwunden?
Linke sind „inklusive Internationalisten“. Die UNO ist eine emanzipatorische, also weitgehend linke Konsequenz des Zweiten Weltkrieges. Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte greift auch das Ideal der Revolution auf: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diesem Anspruch an Mitmenschlichkeit ist die neoliberale Globalisierung unter US-Hegemonie zweifellos nicht gerecht geworden.
Marx: „Alle Emanzipation ist Zurückführung der Verhältnisse auf den Menschen selbst“
Praktiken der Profitmaximierung wurden zu Fluchtursachen. Linke hatten der Internationalisierung des Kapitals nie vergleichbar Materielles entgegenzusetzen. Bestenfalls die Solidarität der Schwachen, angreifbare Ideen. Die Arbeiter haben doch ein Vaterland.
Als revolutionäres Subjekt sind sie uns abhandengekommen. Im linken Gedankengut verhaftet bleiben, heißt, dazuzulernen. Und sich an einst Gültiges erinnern. „Alle Emanzipation ist Zurückführung der Verhältnisse auf den Menschen selbst“, verlangte Marx. In diesem Sinne bleibt es eine alternativlose linke Losung: Prekarier aller Länder vereinigt euch!