Der Traum vom ewigen Frieden
Daniela Dahn

Daniela Dahn

erschienen in: OXI – WIRTSCHAFT FÜR GESELLSCHAFT – 6. Juni 2017

Wünsche gehen gelegentlich in Erfüllung, Träume nie. Nie ganz. Wenn ich also statt drei Wünschen im Märchen einen Traum im Leben offen hätte, hielte ich mich immer an den Rat: To dream big. Damit Kleinmütige angesteckt werden und sich vielleicht doch ein wenig bewegen. In einer Zeit aber, in der Buchtitel wie „Krieg. Wozu er gut ist“ an renommierten Universitäten erscheinen und die rhetorische und praktische Mobilmachung wieder nach Europa zurückgekehrt ist, erscheint ein Gespräch über Frieden fast wie ein Luxus. „Zum ewigen Frieden“ – gleich im ersten Satz seiner Schrift räumt Immanuel Kant ein, dass es sich bei diesem Titel um die satirische Überschrift auf dem Schilde eines holländischen Gastwirtes handelte, unter die ein Friedhof gemalt war. Er ließ es dahingestellt, ob „jenen süßen Traum“ nur die Philosophen träumen, am wenigsten aber bestimmt die Staatsoberhäupter, „die des Krieges nie satt werden können“. Da aber die Bürger alle Kosten eines Krieges tragen müssen, als da wären: kämpfen und sterben, Kriegstribute zahlen, Verwüstungen beseitigen, eine nie zu tilgende Schuldenlast abtragen – ist er sich sicher: Wenn die „Beistimmung der Staatsbürger“ darüber zu entscheiden hätte, ob Krieg sein solle oder nicht, „sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen“.

Auch Albert Einstein, der sich als „militanten Pazifisten“ bezeichnete, war überzeugt: „Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden.“ Daraus folgt die erste Traumforderung: In der für alle existenziellen Frage von Krieg und Frieden, von Sein oder Nichtsein, müssen die Bürger das letzte Wort haben. In einer funktionierenden Demokratie mit Medien, die sich nicht dazu herablassen, Sündenböcke zu schaffen, sollte dies eine Selbstverständlichkeit sein. Doch der Versuch, reale Macht durch die von Ideen und Überzeugungen zu ersetzen, hat es schwer. Zumal es immer auch Bedenken gibt, die nicht einfach zu übergehen sind. Friedensfreund Freud fürchtete in seinem Briefwechsel mit Einstein, dass der menschliche Aggressionstrieb nicht abzuschaffen sei und es eine utopische Hoffnung bliebe, dass Menschen sich freiwillig der Diktatur der Vernunft unterwerfen.

Der Weltfriede verlangt also eine kolossale moralische Anstrengung, wie sie bisher nicht abverlangt wurde. Zwar wurden nach den Grauen des Zweiten Weltkrieges mit der UN-Charta überzeugende Spielregeln erlassen, aber diese sind von allen Seiten immer wieder unterlaufen worden. Und darüber hinausgehende Entwürfe, Voraussetzungen für eine dauerhaft friedliche Weltordnung zu schaffen, sind geradezu spärlich.Die einen sehen eine Weltinnenpolitik als Voraussetzung, die anderen eher pragmatische Schritte, wie die Ächtung aller Massenvernichtungswaffen und das Verbot von Rüstungsexport. Heutzutage, da stattdessen wieder atomar aufgerüstet und der Einsatz von Atombomben wahnwitzigerweise wieder für denkbar gehalten wird, wäre dies ein Riesenschritt.

Die Folgen von Rüstung und Waffentests vernichten schon im Frieden, was im Krieg zu schützen vorgegeben wird. Die zweite Traumforderung wäre also: Das politische, zivilgesellschaftliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche, künstlerische und mediale Ringen um Konzepte für dauerhaften Frieden muss deutlich verstärkt werden. Da sich die Heimgesuchten in Träumen bekanntlich oft auch konstruktiv in die Handlung einbringen, erlaube ich mir als Drittes einen Traumvorschlag. Er berücksichtigt, dass noch erfolgversprechender, als Menschen bei ihren Idealen und Werten zu packen, ist, sie bei ihren Interessen abzuholen. Frieden muss ein besseres Geschäft sein als Krieg. Für das Geld, das derJugoslawienkrieg gekostet hat, so haben Fachleute damals berechnet, hätte jeder Familie im Kosovo ein neues Haus mit Swimmingpool gebaut werden können. Ich bin sicher, dass mensch unter diesen Umständen bereit gewesen wäre, sich zu verstehen.

Die unerträgliche Verteilung von Macht und Reichtum ist organisierte Verantwortungslosigkeit. Sie setzt Wut und Destruktion frei, Terrorismus und Flucht. Am Anfang des jüngsten Flüchtlingsdramas war viel von Beseitigung der Ursachen die Rede. Inzwischen geht es fast nur noch um Unterbindung unerwünschter Migration. Es werden Mauern und Zäune gebaut, wie in Melilla, an der spanisch-marokkanischen Grenze. Als militarisierte Polizei greifen die europäischen Frontex- Truppen Flüchtlinge auf und auch an. Mit militärischem Gerät wie Schnellbooten und Drohnen, Hubschraubern und Schusswaffen, Wärmebildkameras und Navi-Software. Dafür wird ein Budget von vielen Millionen bereitgestellt.

Kapital, das in Konfliktverhütung investiert wird, ist sinnvoll investiertes Kapital. Denn Konfliktverhütung ist preiswerter als friedenserhaltende Maßnahmen, und diese sind wiederum preiswerter als Krieg. Am Frieden und am Krieg verdienen nicht dieselben. Letztlich entscheiden aber Regierungen, wer woran verdient. Ob der Staat subventioniert oder besteuert, öffentliche Aufträge vergibt oder privatisiert – die Werkzeuge stehen zur Verfügung. Die Preise von Waffen bilden sich nicht transparent auf dem Markt, es sind politische Preise, von Lobbyisten mit Regierenden ausgekungelt. Mit Marktwirtschaft hat das nichts zu tun. Mit realer oder vermeintlicher kapitalistischer Profitmaximierung schon.

Wirtschaftswissenschaftler und Friedensforscher sollten Modelle durchrechnen, die dazu führen, dass weltweit Mähdrescher und Brunnen, Schulen und Krankenhäuser, Kunst und Mode ein besseres Geschäft sind, als Waffen und Kasernen, Uniformen und Truppenübungsplätze, Vernichtungsforschung und PC-Killerspiele.
Wer das für naiv hält, ist zynisch. Träume sind verschlüsselte Wünsche und Ängste. Es ist wünschenswert, die Angst vor dem gewaltsamen Wahnsinn nicht zu verdrängen, sondern zuzulassen und bewusst zu machen. Damit sie produktiv wird in dem Wunsch nach einer dauerhaft befriedeten Welt, in der träumen nicht sinnlos ist.

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