Louise-Schroeder-Medaille

Rede des Regierenden Bürqermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, anlässlich der Verleihung der Louise-Schroeder-Medaille an Daniela Dahn am 17. April 2002

(die Laudatio hielt Egon Bahr)

Sehr geehrte Frau Dahn,
sehr geehrter Herr Professor Bahr,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich zur heutigen Verleihung der Louise-Schroeder-Medaille. Abgeordnetenhaus und Senat ehren mit Daniela Dahn eine Berlinerin, der es in all ihrem Wirken vor allem um Gerechtigkeit geht – Gerechtigkeit zwischen Ost und West, zwischen Mann und Frau, im Rechtsstaat und in der Arbeitswelt. wowereit
Nach dem Journalistik-Studium in Leipzig und einer Tätigkeit beim Fernsehen der DDR sind Sie, verehrte Frau Dahn, seit 1981 als freie Schriftstellerin tätig. Sie haben schon in Zeiten der DDR auf Ihre Meinung gepocht, in dieser Zeit haben Sie mehr riskiert als Sie heute in unserer freien Gesellschaft aushalten müssen. Sie gehörten im Wende-Herbst 1989 zu den Mitbegründerinnen des „Demokratischen Aufbruchs”, einer der Keimzellen der Bürgerrechtsbewegung. Seit dieser Zeit haben Sie zahlreiche Bücher und publizistische Beiträge verfasst, die viel öffentliche Beachtung gefunden haben.

Ihr großes Thema ist der Prozess der deutsch-deutschen Vereinigung. Sie analysieren und kritisieren scharf und Sie haben durch klare Worte so manchem Unbehagen der Menschen in den ostdeutschen Ländern Ausdruck verliehen. Indem Sie die Dinge auf den Punkt bringen, setzen Sie sich Ihrerseits zwar vielfältiger Kritik aus. Aber nur dadurch entsteht die Debatte, die oft auch Lösungen und Verbesserungen erst möglich macht.

Sie haben einmal zu Recht gesagt: Schriftsteller sind nicht da, um Harmoniebedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. Da stimme ich mit Ihnen überein: Lieber einen sinnvollen Konflikt geführt als Probleme zu verdrängen. Sie kämpfen dafür, dass nicht nur dem Recht zu seinem Recht verholfen wird, sondern dass es dabei auch gerecht zugeht. Und wer scharf analysiert und kritisiert, riskiert fast zwangsläufig die eine oder andere Verletzung.

Aber: Wir sollten es uns mit der Kritik, die Frau Dahn formuliert, nicht zu einfach machen. Wir sollten vor allem danach fragen, wie es dazu kommen konnte, dass eine Mitbegründerin des „Demokratischen Aufbruchs” heute, gut 11 Jahre nach der deutschen Vereinigung, so weit geht in ihrer Kritik. Ist es nicht verständlich, dass massenhaft erlebte Arbeitslosigkeit auch zu Zweifeln an der Funktionsfähigkeit unseres Sozialstaates führen? Sollten wir nicht die scharfe Kritik von Frau Dahn eher als Ansporn verstehen, ständig nach Möglichkeiten der Verbesserung zu suchen – auch um damit die innere Einheit voranzubringen?

Verehrte Frau Dahn, Berlin dankt Ihnen mit der Verleihung der Louise-Schroeder-Medaille für Ihr Engagement. Der Sinn der Louise-Schroeder-Medaille liegt aber vor allem in der Ermutigung zur Einmischung und zur Übernahme von Verantwortung für unser Gemeinwesen. Das ist das Vermächtnis Louise Schroeders, dieser großartigen und unvergessenen Berlinerin, an die wir mit der Verleihung der nach ihr benannten Medaille erinnern.

Louise Schroeder-Medaille für Daniela Dahn

von Sabine Kebir

KOMMENTAR Affentanz

Ich kann mir kein anderes demokratisches Land vorstellen, in dem eine von einer Kommission des Parlaments beschlossene Preisverleihung zu dermaßen undemokratischen Verhaltensweisen führt. Ein nach der linken Sozialdemokratin Louise-Schroeder benannter Preis wird vom Land Berlin an Frauen verliehen, die sich um Demokratie, Frieden und soziale Gerechtigkeit bemüht haben. Als er 2001 an die schon sterbenskranke Sozialdemokratin Regine Hildebrand gehen sollte, wurde von der CDU-Fraktion dermaßen vehement dagegen polemisiert, dass die ganze Preisverleihung ausgesetzt werden musste.

2002 ist die Auslöserin des erneuerten Skandalszenarios Daniela Dahn, die streitbare Autorin, die seit der Wiedervereinigung am nachdrücklichsten auf deren Defizite vor allem für die Ostdeutschen auf-merksam macht. Zwar konnte die Nominierung Dahns dank des rot-roten Senats durch die CDU dies-mal nicht verhindert werden. Aber die übte offenbar so unsäglichen Druck auf Rita Süssmuth aus, dass ausgerechnet sie, die ihre bereits gegebene Zusage für die Laudatio zurückgezogen hat. Die Preisver-leihung selbst war nicht mehr zu verhindern. Aber das Medienspektakel, das ihr vorausging, erinnert an den Kalten Krieg. Besonders ein von der Konrad-Adenauer-Stiftung, FAZ und Springer-Presse ge-stützter Autorenkreis um Ines Geipel und Lutz Rathenow, Sarah Kirsch und Hertha Müller wirft Dahn vor, den Sozialismus insgesamt und die DDR im besonderen nostalgisch zu verklären.

Leicht ist hier die in keinem anderen europäischen Land mehr übliche Argumentation zu erkennen, wonach jedes radikaldemokratische Engagement sofort des Totalitarismus verdächtigt wird. Wer aber je ein Buch von Daniela Dahn gelesen hat, muss zumindest anerkennen, dass ihre Texte von keinerlei vorgefasster Ideologie geprägt sind. Sie arbeitet Quellen auf, verschafft sich ihre Informationen durch Gespräche mit Menschen aus verschiedenen politischen Lagern. Daraus entstehen keinesfalls jene eingleisigen Argumentationen, die ihre Gegner ihr vorwerfen. Aber nicht nur die hohen Auflagen ihrer Bücher, sondern auch die Anerkennung im sozialdemokratischen Lager und dem leider in Deutschland viel zu kleinen wirklich liberalen Bürgertum machten Daniela Dahn zu einer auch im Westen immer weniger umgehbaren Autorin. Zwar ist es bedauerlich, dass sich Rita Süssmuth der Preisrede verwei-gerte – Egon Bahr jedoch ist kein schlechterer Laudator. So unwürdig das Spektakel war, Daniela Dahn und der von ihr vertretenen Sache kann es nur von Nutzen sein. Gut auch, dass der in Kulturfra-gen bislang defensive rot-rote Senat wenigstens jetzt zum ersten Mal Farbe bekannt hat. Wenn man sich erinnert, dass die Nominierung Daniela Dahns zur Verfassungsrichterin in Brandenburg noch von der dortigen SPD vereitelt wurde, kann man den Hergang nicht nur als Fortschritt für eine Klimaverän-derung in Berlin werten, sondern für die Bundesrepublik insgesamt.